{"id":17799,"date":"2021-03-06T17:19:38","date_gmt":"2021-03-06T16:19:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/?page_id=17799"},"modified":"2021-03-06T17:20:54","modified_gmt":"2021-03-06T16:20:54","slug":"albrecht-weinberg-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/?page_id=17799","title":{"rendered":"Albrecht Weinberg"},"content":{"rendered":"<h1>Unsere Schule tr\u00e4gt seinen Namen, weil wir nicht vergessen wollen.<\/h1>\n<p>Im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus fehlt zahlreichen Menschen h\u00e4ufig der lokale Bezug zu den vergangenen Verbrechen der Nationalsozialisten. Dies hat dann oftmals zur Folge, dass sich nicht mit dem Thema besch\u00e4ftigt wird und dieses verdr\u00e4ngt wird. Genau das ist es, was wir mithilfe der Umbenennung unserer Schule zum \u201eAlbrecht-Weinberg-Gymnasium Rhauderfehn\u201c verhindern wollen. Die Menschen hier auf dem Fehn sollen wieder st\u00e4rker daran erinnert werden, was sich hier im letzten Jahrhundert zur Zeit des Nationalsozialismus ereignet hat. So ergibt sich durch die Umbenennung unserer Schule die gro\u00dfartige Chance, einen Beitrag zur Erinnerungskultur und Wiedergutmachung der vergangenen Taten zu leisten. Oder auch in anderen Worten gesagt: Der neue Schulname soll daf\u00fcr sorgen, dass sich alle Sch\u00fclerInnen mit Themen wie Antisemitismus, Holocaust, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Meinungsfreiheit, Demokratie und vielen weiteren Aspekten auseinandersetzen. Dabei fungiert die Person Albrecht Weinberg als Tr\u00e4ger dieser Inhalte durch das, was er erleben musste und als Vorbild f\u00fcr Vers\u00f6hnung. An erster Stelle steht f\u00fcr uns dabei, dass das, was sich im Zuge der grauenvollen nationalsozialistischen Vergangenheit insgesamt und auch vor Ort ereignete, nie wieder passiert. Deshalb ist es f\u00fcr uns essenziell, dass Sch\u00fcler an dieser Schule \u00fcber all diese Dinge informiert werden, um aus der Vergangenheit zu lernen.<\/p>\n<p>Im Zuge der Umbenennung unserer Schule sollte ebenfalls hervorgehoben werden, dass die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen die treibende Kraft dahinter waren. Wenn diese sich nicht so vehement daf\u00fcr eingesetzt h\u00e4tten, h\u00e4tte unsere Schule diesen Weg wom\u00f6glich gar nicht eingeschlagen. Aus diesem Grund kann die Sch\u00fclerschaft also sehr stolz auf sich sein, dass dieser Schritt nun verwirklicht wurde und der Weg der Schule damit ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt wird.<\/p>\n<p>In Rhauderfehn wohnten zur Zeit des Nationalsozialismus drei j\u00fcdische Familien. Diese drei Familien sollen im Folgenden vorgestellt werden, wobei die unterschiedlichen Schicksale der Familien besonders beleuchtet werden sollen. Ziel ist es, deutlich zu machen, welche Auswirkungen die Gr\u00e4ueltaten der Nationalsozialisten hier vor Ort auf dem Fehn hatten, denn dadurch wird verst\u00e4ndlich, warum auch unsere Schule ein wichtiges Zeichen mit der Umbenennung zum \u201eAlbrecht-Weinberg-Gymnasium Rhauderfehn\u201c setzen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Die erste der drei Familien, mit der sich hier befasst werden soll, ist Familie Weinberg. Das Ehepaar Alfred und Flora Weinberg zog 1920 in ein Haus in Westrhauderfehn, das Alfred von seinem Bruder Bernhard Weinberg, der es 1910 gebaut hatte, \u00fcbernahm. Alfred betrieb hier einen Vieh-, Fell- und Schrotthandel. Ihre drei Kinder wurden alle hier geboren: Dieter 1922, Friedel 1923 und Albrecht 1925.&nbsp;Die Familie f\u00fchrte ein geregeltes Leben, doch dies \u00e4nderte sich im Zuge des aufflammenden Nationalsozialismus, denn ab 1933 mussten auch sie die Anfeindungen der Nationalsozialisten ertragen. Es wurde gegen sie gehetzt und zum Boykott ihres Gesch\u00e4fts aufgerufen.<\/p>\n<p>In den Folgejahren musste Alfred Weinberg das Haus weit unter Wert verkaufen, man vermutet, es sei nie etwas f\u00fcr das Haus bezahlt worden. Au\u00dferdem durften die Kinder die Schule in Rhauderfehn nicht mehr besuchen, weshalb sie zuerst allein nach Leer zogen. Anfangs fanden die Eltern keine Unterkunft in Leer, jedoch konnten sie sp\u00e4ter nachkommen. Dort befand sich n\u00e4mlich die n\u00e4chstgelegene j\u00fcdische Schule, die Albrecht und Friedel zun\u00e4chst besuchen konnten. Der 9. November 1938 war f\u00fcr die Familie Weinberg und auch f\u00fcr andere Familien ein einschneidendes Ereignis, da die Familien in dieser Nacht auseinandergerissen wurden. Alfred Weinberg kam erst im Februar 1939 aus dem KZ Sachsenhausen nach Leer zur\u00fcck, Dieter kam noch im Dezember 1938 in eine Gartenbauschule in Ahlem, Friedel und Albrecht kamen im Sommer 1939 in das Jugendlager nach Gro\u00df Breesen. Die Eltern blieben allerdings noch bis Februar 1940 in Leer, bis auch sie aus Ostfriesland vertrieben wurden und nach Berlin mussten, wo sie mit anderen Familien in Berlin-Moabit in einem sogenannten \u201eJudenhaus\u201c lebten. Auch Dieter Weinberg gelangte sp\u00e4ter nach Berlin und war schlie\u00dflich im Februar 1943 das erste Familienmitglied, das nach Auschwitz deportiert wurde. Es dauerte nicht lange, bis auch Friedel und Albrecht, die mittlerweile in einem Arbeitslager bei Berlin arbeiten mussten, im April 1943 ins Vernichtungslager zwangsdeportiert wurden.<\/p>\n<p>Alle drei Geschwister konnten die von den Nationalsozialisten ver\u00fcbten Gr\u00e4ueltaten \u00fcberleben. Doch danach trennten sich die Wege der Geschwister teilweise:<br \/>\nSo kehrte Dieter Weinberg zur\u00fcck in die Heimat nach Rhauderfehn, jedoch starb er 1946 im Breinermoorer Hammrich bei einem Unfall. Friedel und Albrecht Weinberg, die damals Anfang 20 waren, entschlossen sich dazu, nach Amerika auszuwandern und sich in New York niederzulassen.<\/p>\n<p>Die Eltern Alfred und Flora Weinberg kamen im M\u00e4rz 1943 zun\u00e4chst nach Theresienstadt und wurden im Oktober 1944 schlie\u00dflich nach Auschwitz deportiert. In Auschwitz wurden sie vermutlich zeitnah nach ihrer Ankunft umgebracht.<\/p>\n<p>Doch nicht nur Familie Weinberg musste solch unmenschliche Taten am eigenen Leibe erfahren, sondern auch die anderen Familien waren betroffen.<\/p>\n<p>Die zweite j\u00fcdische Familie, die w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus auf dem Fehn wohnte, war Familie Cohen. Der Familienvater Mozes Cohen, der am 8.11.1875 in Oude Pekala geboren wurde, war der Besitzer eines Bauernhauses in Rhauderfehn. Dort betrieb er Viehhandel und eine Schlachterei. Mozes Cohen war verheiratet mit Klara Cohen, die am 30.12.1880 in Stralsund geboren wurde. Ihre Kinder hie\u00dfen Walter und Bianka. Der Sohn Walter Nochum Cohen wurde am 13. September 1910 geboren, seine \u00e4ltere Schwester am 6. November 1906.<\/p>\n<p>Familie Cohen bekam schon sehr fr\u00fch die Konsequenzen des nationalsozialistischen Regimes zu sp\u00fcren: So wollte die Gemeinde Anfang der 1930er Jahre eine Verbreiterung der Stra\u00dfe durchsetzen, an der sich das Haus der Cohens befand. Dazu sollte ihr Haus gekauft werden, da sich dieses laut der Gemeinde im Weg befand. Nachdem Mozes Cohen das Haus jedoch nicht abgeben wollte, drohte man ihm mit einem Enteignungsverfahren, um einen Verkauf durchzusetzen. Schlie\u00dflich gab Mozes Cohen am 3. Februar 1934 nach und verkaufte das Haus an die Gemeinde. In der Folge beging Mozes Cohen Suizid, indem er sich am gleichen Tag auf dem Dachboden des Hauses erh\u00e4ngte.<\/p>\n<p>Sein Sohn, Walter Nochum, f\u00fchrte die Gesch\u00e4fte unter eingeschr\u00e4nkten Umst\u00e4nden weiter. Die geplante Hochzeit mit Mimi Rull konnte unter den vorherrschenden Regeln der Nationalsozialisten nicht realisiert werden. Walter Nochum blieb vorerst in Rhauderfehn, bis er 1938 schlie\u00dflich ins niederl\u00e4ndische Emmen zog. In Folge der Kriegsgeschehnisse des Zweiten Weltkriegs fiel die Niederlande 1940. Walter Nochum Cohen wurde zun\u00e4chst ins Lager Westerbork gebracht und anschlie\u00dfend ins Vernichtungslager Auschwitz, wo er am 30. September 1942 starb. Auch seine Schwester Bianka, die mit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur 1933 in die Niederlande emigrierte sowie ihr Mann wurden nur einige Tage sp\u00e4ter am 12. Oktober 1942 umgebracht.<br \/>\nAuch wenn Walter Nochum Cohen derjenige war, der am l\u00e4ngsten in Rhauderfehn \u2013 oder damals Rhaudermoor \u2013 lebte, so sind alle vier Familienmitglieder gleicherma\u00dfen Opfer der schrecklichen Taten des nationalsozialistischen Regimes geworden.<\/p>\n<p>Die dritte j\u00fcdische Famile, die zur Zeit des Nationalsozialismus in Rhauderfehn lebte, war Familie Gumpertz. Die Eheleute Hermann und Adele Gumpertz hatten drei Kinder, die alle in Rhaudermoor geboren wurden: Helene 1920, Beate 1925 und Manfred 1931. Manfred starb jedoch schon zwei Monate nach der Geburt, wohingegen die anderen vier ermordet wurden. Der Familienvater betrieb eine Firma namens \u201eHermann Gumpertz &amp; Co\u201c, welche sich im Laufe der Zeit von einem Viehhandel zu einem Fell- und Lederwarengro\u00dfhandel entwickelte.<\/p>\n<p>Die Gumpertz-Br\u00fcder engagierten sich stets vor Ort, so gr\u00fcndeten sie beispielsweise den FC Preu\u00dfen mit. Zudem partizipierte Hermann Gumpertz politisch, indem er in der SPD mitwirkte. Es ist jedoch unklar, wann genau die Familie von Hermann Gumpertz nach Holland \u00fcbersiedelte. Nach der Ankunft forderten die deutschen Beh\u00f6rden zwar noch eine Auslieferung, da er angeblich Schulden hinterlassen und Urkundenf\u00e4lschung begangen haben soll, allerdings erfolgte die Auslieferung nicht. Stattdessen wurde ihm die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit aberkannt. Somit blieb auch die Familie Gumpertz nicht lange von der judenfeindlichen Politik des nationalsozialistischen Regimes verschont. Die T\u00f6chter Helene und Beate wurden am 28. September 1942 von Westerbork nach Auschwitz deportiert und zwei Tage sp\u00e4ter umgebracht. Hermann und Adele Gumpertz wurden am 11. Mai 1943 nach Sobibor gebracht. Die Mutter der Kinder, Adele, wurde am 14. Mai 1943 unverz\u00fcglich nach der Ankunft umgebracht, w\u00e4hrend man Hermann den Arbeitsh\u00e4ftlingen zuteilte. Dabei musste den Arbeitsh\u00e4ftlingen eines bewusst gewesen sein, n\u00e4mlich, dass sie kaum eine Chance hatten, das Lager lebend zu verlassen.<\/p>\n<p>Lediglich erfolgreiche Aufst\u00e4nde gegen die nationalsozialistischen Aufseher h\u00e4tten verhindern k\u00f6nnen, dass sie umgebracht werden. Aus diesem Grund kam es am 14. Oktober 1943 zu einem solchen Aufstand, an dem auch Hermann Gumpertz beteiligt war. Dabei wurden nacheinander zehn SS-M\u00e4nner in die Schneiderei und die Schusterwerkstatt gelockt und get\u00f6tet. Hermann Gumpertz, der zu diesem Zeitpunkt 51 Jahre alt war, geh\u00f6rte zu den circa 300 H\u00e4ftlingen, die fliehen konnten. Jedoch schafften es von diesen 300 H\u00e4ftlingen lediglich 53 zu \u00fcberleben, da viele im Mineng\u00fcrtel rund um das Lager zu Tode kamen. Hermann Gumpertz geh\u00f6rte nicht zu den \u00dcberlebenden, denn er wurde sechs Wochen nach dem Aufstand, also am 30. November 1943, gefasst und get\u00f6tet. Der Todesort Dorochuk am Bug befindet sich etwa 47 Kilometer von Sobibor entfernt.<\/p>\n<p>Die Schicksale der drei Familien verdeutlichen uns, dass nationalsozialistisches Unrecht nichts ist, was realit\u00e4tsfern ist bzw. war, denn so unvorstellbar diese Gr\u00e4ueltaten f\u00fcr uns aus heutiger Sicht auch sein m\u00f6gen, so ist es umso trauriger, wenn man sich dar\u00fcber bewusst ist, dass diese Verbrechen im letzten Jahrhundert hier vor Ort in Rhauderfehn begangen worden sind.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend wollen wir insbesondere Albrecht Weinberg danken, der nun bereits seit mehreren Jahren unsere Schule besucht, Sch\u00fclern Vortr\u00e4ge h\u00e4lt und dabei vor allem auch mit den \u00e4lteren Sch\u00fclern kooperiert. Es ist also unbedingt zu betonen, dass die Umbenennung unserer Schule und damit auch unser Beitrag zur Erinnerungskultur nur aufgrund Albrechts herausragenden Engagements m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>S\u00f6nke Schulz, Jonas H\u00fclper, Lukas Stamm<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Schule tr\u00e4gt seinen Namen, weil wir nicht vergessen wollen. Im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus fehlt zahlreichen Menschen h\u00e4ufig der lokale Bezug zu den vergangenen Verbrechen der Nationalsozialisten. 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