{"id":19474,"date":"2022-09-29T21:11:06","date_gmt":"2022-09-29T19:11:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/?p=19474"},"modified":"2022-09-29T21:24:11","modified_gmt":"2022-09-29T19:24:11","slug":"jg-13-besuch-der-inszenierung-corpus-delicti-wolfgang-borchert-theater-muenster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/?p=19474","title":{"rendered":"Jg 13: Besuch der Inszenierung &#8222;Corpus Delicti&#8220; (Wolfgang Borchert Theater M\u00fcnster)"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht zuletzt aufgrund der Corona-Pandemie ist Juli Zehs Roman Corpus Delicti aus dem Jahr 2009 ju\u0308ngst auf die Bestsellerlisten Deutschlands zuru\u0308ckgekehrt und erfreut sich, ganz wie bei seiner urspru\u0308nglichen Vero\u0308ffentlichung, gro\u00dfer Beliebtheit. Die Autorin selbst hat in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche Interviews gegeben und kontinuierlich selbst Stellung zu der Frage genommen, inwiefern die Gesundheitsdiktatur aus ihrem Zukunftsroman blo\u00dfe Fiktion geblieben ist \u2013 oder doch schon reale Zu\u0308ge angenommen hat. Im U\u0308brigen stellen die zentralen Themen Ku\u0308nstlicher Intelligenz und voranschreitender wissenschaftlicher Erkenntnisse seit jeher ein sehr beliebtes Motiv fu\u0308r Adaptionen auf deutschen Theaterbu\u0308hnen dar, was nicht verwundert: schlie\u00dflich schrieb Zeh Corpus Delicti urspru\u0308nglich als Theaterstu\u0308ck, zwei Jahre vor Verarbeitung als Roman. So nahmen sich Regisseurin Tanja Weidner und das umgebende Ensemble dem Stoff unla\u0308ngst mit experimentierfreudiger Einstellung und bemerkenswertem Erfindungsgeist an. Zu sehen war das Resultat auch fu\u0308r uns, die Teilnehmer aller Deutschkurse des 13. Jahrgangs, am 13.09.2022 im Wolfgang Borchert Theater in Mu\u0308nster.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hierbei schreckt man inszenatorisch nicht vor ausgiebigem Gebrauch der technischen Mo\u0308glichkeiten des Innenraums zuru\u0308ck und reizt die Lokalita\u0308ten vollstens aus \u2013 dies wird nicht nur auf den herko\u0308mmlichen Publikumspla\u0308tzen deutlich, sondern noch viel mehr auf den wenigen ausgewa\u0308hlten Bu\u0308hnenpla\u0308tzen. Diese befinden sich auf der Bu\u0308hne selbst, sind seitlich auf das Geschehen gerichtet und bringen das Privileg einer eigenen Virtual-Reality-Brille mit sich, mittels derer eingespielte Videos aus dem virtuellen Raum zu verfolgen sind. Diese VR-Sequenzen werden aber auch fu\u0308r das restliche Publikum u\u0308ber vier im Raum verteilte Bildschirme zum eigenen Erlebnis \u2013 wenn es nicht gerade von der Gruppe desorientierter und sich um sich selbst kreisender Bu\u0308hnenzuschauer abgelenkt wird. Durch Nutzung eines solchen Formats lassen sich die Darstellungsformen des Theaters, die Reize der Technik und immersive Erfahrungen fu\u0308r die Besucher weiter, offener und gro\u0308\u00dfer denken. Die Kehrseite der Medaille jedoch sind technische Defizite der Brillen selbst, teilweise U\u0308beranstrengung der Augen nach nur wenigen Minuten und mangelnde Orientierungsmo\u0308glichkeiten, die, trotz noch so faszinierenden Spektakels, leicht in einer Reizu\u0308berflutung enden ko\u0308nnen. Zudem wundert man sich am Ende doch ein wenig, ob die gewa\u0308hlten VR-Ru\u0308ckblenden dieser Umsetzung wirklich bedurft ha\u0308tten \u2013 oder ob die Technologie anderweitig noch effektiver ha\u0308tte eingesetzt werden ko\u0308nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch von dieser kleinen La\u0308sur bleibt der Rest des Stu\u0308cks nicht weiter beeintra\u0308chtigt \u2013 denn setzt man die Brille wieder ab, bieten allein die Einfachheit des Bu\u0308hnenbildes und die somit noch deutlicher werdende Finesse der restlichen audiovisuellen Effekte ein beachtenswertes Stu\u0308ck Thea ter. Alle vier der im Raum verteilten Bildschirme zeigen zu jedem Zeitpunkt ein anderes Bild: oft sind es U\u0308berwachungskamera-a\u0308hnliche Perspektiven, sodass nicht blo\u00df das Gefu\u0308hl eines Polizeistaats allgegenwa\u0308rtig ist. Auch den Schauspielern verlangen diese Aufnahmen erscho\u0308pfende und u\u0308berzeugende Darstellungen ab, was kontinuierlich mehr als blo\u00df gelingt. Denn neben minutio\u0308s abgestimmtem Licht &#8211; und Sounddesign, vielseitiger Nutzung von Greenscreen \u2013 und Livestreaming \u2013 Effekten sowie Integrierung einfacher Alltagstechnologie, die zum Nachdenken anregt, ist und bleibt das Herzstu\u0308ck dieser Inszenierung von Corpus Delicti seine Besetzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das verha\u0308ltnisma\u0308\u00dfig kleine Ensemble von Darstellern \u2013 von denen mancher Doppel- bis Dreifachbesetzungen bietet \u2013 gibt sichtlich alles und hat besta\u0308ndig Freude an ihren Rollen, die schon in der Romanvorlage klar und charismatisch gezeichnet sind. Ivana Langmajer als empathische Richterin Sophie u\u0308berzeugt vor allem mit subtiler Mimik (schlie\u00dflich ist sie meist per Gro\u00dfbildschirm zu sehen) und Alessandro Scheuerer tritt ebenfalls vorrangig digital auf, tra\u0308gt mit seiner u\u0308berspitzten Darstellung Moritz Holls allerdings klar zum Bild des individualistischen Anarchisten und Freiheitska\u0308mpfers bei. In a\u0308hnlicher Manier pra\u0308sentiert sich Erika Jell als die \u201eIdeale Geliebte\u201c, die in ihrem Gemu\u0308t Scheuerers Darbietung noch u\u0308bertrifft und sich hervorragend gerade deshalb in jede<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Szene integriert, weil sie so sehr hervorsticht. Florian Bender begeistert allein aufgrund seiner drei dargestellten Rollen, von denen jede mit viel Liebe und Humor ausgestaltet wird. Am wohl pra\u0308sentesten ist er als nervo\u0308ser, tollpatschiger und unsicherer Rechtsanwalt Rosentreter. Zugleich sorgt er in pointiert humoristischen Momenten als schwa\u0308bische Hausfrau fu\u0308r entspannende und amu\u0308sante Momente. Schlie\u00dflich sitzt er als Wu\u0308rmer, TV-Moderator der Talkshow \u201eWas alle denken\u201c, schmeichelhaft und anbeterisch des O\u0308fteren neben dem gro\u00dfen Antagonisten des Stu\u0308cks: Ju\u0308rgen Lorenzens Heinrich Kramer. Dieser referiert wieder und wieder u\u0308ber die Grundsa\u0308tze der \u201eMethode\u201c und u\u0308berzeugt mit einer charismatischen, rigiden, selbstgenu\u0308gsamen, perfid-zynischen und durchweg anziehenden Darbietung eines zutiefst absto\u00dfenden Charakters. Im Zentrum des Geschehens steht ihm Mia Holl, gespielt von Rosana Cleve, gegenu\u0308ber. Nachdem die \u201eMethode\u201c ihr ihren Bruder nimmt, verliert die zweifelnde Naturwissenschaftlerin scheinbar langsam den Verstand \u2013 zumindest aus Kramers Sicht. Kontra\u0308r betrachtet ist sie selbst der Auffassung, in ihrer Kritik des Systems erst Klarheit zu gewinnen. Gerade in diesem sagenhaften Gegenspiel der zwei Antipoden gla\u0308nzen Cleve und Lorenzen am meisten: wenn sie Ersterem in philosophischen Grundsatzdiskussionen mit empathischer Ader, Rachegelu\u0308sten, aufsa\u0308ssiger Haltung und spo\u0308ttischer Verachtung gegenu\u0308bersteht, durchlebt das Publikum in der Zeitspanne dieser (pausenlos gespielten!) knappen zwei Stunden die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionalita\u0308t, wa\u0308hrend die verzweifelte Suche nach Individualita\u0308t auf die Strenge der Gesundheitsdiktatur in persona trifft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All die aufgezeigten Punkte machen diese Darbietung von Corpus Delicti des Wolfgang Borchert Theaters zu einem wahren Erlebnis, das sich nicht zuletzt durch die technischen Neuerungen und die schiere Risikofreude aller Beteiligten auszeichnet &#8211; wobei Imperfektion und kleine Makel in der Umsetzung selbstversta\u0308ndlich dazugeho\u0308ren. Zu einem u\u0308berwa\u0308ltigenden Gro\u00dfteil kann aber rechtens behauptet werden, dass die wenigen Nachteile allein von der Imposanz der funktionierenden Aspekte und der grandiosen Leistung des gesamten Ensembles klar u\u0308berschattet werden. Eine wahrlich gro\u00dfartige Exkursion, fu\u0308r die sich die dreistu\u0308ndige Busfahrt nach Mu\u0308nster allemal gelohnt hat!<\/p>\n<p>Autor: Christian Visser<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/?attachment_id=19479\" rel=\"attachment wp-att-19479\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-19479\" src=\"https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_9596-300x225.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_9596-300x225.jpeg 300w, https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_9596-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_9596-768x576.jpeg 768w, https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_9596-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_9596-2048x1536.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht zuletzt aufgrund der Corona-Pandemie ist Juli Zehs Roman Corpus Delicti aus dem Jahr 2009 ju\u0308ngst auf die Bestsellerlisten Deutschlands zuru\u0308ckgekehrt und erfreut sich, ganz wie bei seiner urspru\u0308nglichen Vero\u0308ffentlichung, gro\u00dfer Beliebtheit. 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