{"id":9538,"date":"2016-03-25T11:53:40","date_gmt":"2016-03-25T10:53:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/?p=9538"},"modified":"2022-03-26T13:19:22","modified_gmt":"2022-03-26T12:19:22","slug":"inscriptio-mensis-aprilis-inschrift-des-monats-april","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/?p=9538","title":{"rendered":"Inscriptio Mensis Aprilis &#8211; Inschrift des Monats April"},"content":{"rendered":"<p>Die Herkunft des Monatsnamens April ist nicht zweifelsfrei gekl\u00e4rt. Zum Teil wird der Name auf das Verb <em>aperire \u00a0<\/em>(= \u00f6ffnen) zur\u00fcckgef\u00fchrt, da sich im Fr\u00fchling z.B. die Knospen der Pflanzen \u00f6ffnen, zum Teil auch auf das Adjektiv <em>apricus<\/em>, das \u201esonnig&#8220; bedeutet.<\/p>\n<p>In jedem Fall \u201e\u00f6ffnet&#8220; der April durch das allm\u00e4hlich zunehmende \u201esonnige&#8220; Wetter auch wieder verschiedene M\u00f6glichkeiten,\u00a0beispielsweise im Garten oder &#8211;\u00a0f\u00fcr die Bootsbesitzer &#8211; auf dem Wasser&#8230;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Navigare-necesse-est1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-9540 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Navigare-necesse-est1-300x200.jpg\" alt=\"Navigare necesse est\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Navigare-necesse-est1-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Navigare-necesse-est1-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Navigare-necesse-est1-450x300.jpg 450w, https:\/\/www.gymnasium-rhauderfehn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Navigare-necesse-est1-272x182.jpg 272w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Tafel mit dieser Inschrift befindet sich an einem Haus in der J\u00fcrgenaswieke in Rhauderfehn und gibt einen Hinweis auf die Schifffahrtstradition des Ortes.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzt lautet der Spruch: \u201eZur See zu fahren ist notwendig.&#8220; Man findet ihn nicht nur in Rhauderfehn, sondern in verschiedenen\u00a0Orten an Geb\u00e4uden, die in irgendeiner Weise mit der Schifffahrt verbunden sind, so unter anderem am Haus der Seefahrt in Bremen.\u00a0Manchmal\u00a0ist er auch beim Stapellauf\u00a0oder der\u00a0Taufe\u00a0eines neuen Schiffes zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Es handelt sich tats\u00e4chlich um ein antikes Zitat, wobei \u201eNavigare necesse est&#8230;&#8220; eigentlich nur die sprichw\u00f6rtliche halbe Wahrheit ist. Vollst\u00e4ndig lautet der Ausspruch:<\/p>\n<blockquote><p>Navigare necesse est, vivere non est necesse. &#8211;<\/p>\n<p>Zur See zu fahren ist notwendig, zu leben ist nicht notwendig.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese zun\u00e4chst einmal widersinnige Aussage braucht einen Kontext, der sie zumindest im Ansatz erkl\u00e4rt. Diesen liefert der antike Schriftsteller Plutarch (ca. 46 &#8211; ca. 120 n. Chr.). Er schrieb\u00a0in griechischer Sprache so genannte <em>Parallelbiographien<\/em>, in denen er\u00a0jeweils einem Griechen einen \u201evergleichbaren&#8220;\u00a0R\u00f6mer an die Seite stellte. Eine dieser Biographien behandelt das Leben des r\u00f6mischen Politikers und Feldherrn Gnaeus Pompeius Magnus [= der Gro\u00dfe] (106 &#8211; 48 v. Chr.).<\/p>\n<p>Pompeius verf\u00fcgte\u00a0\u00fcber ein au\u00dferordentliches Organisationstalent\u00a0und wurde dadurch zu einer Art Krisenmanager des R\u00f6mischen Reiches, der sich unter anderem erfolgreich\u00a0um die\u00a0Niederschlagung\u00a0eines gro\u00dfen Sklavenaufstandes oder um die Befreiung des \u00f6stlichen Mittelmeers von Piraten\u00a0k\u00fcmmerte. Zum Zeitpunkt des \u201eNavigare&#8220;-Ausspruchs war\u00a0er gerade f\u00fcr die ins Wanken geratene Getreideversorgung in Rom zust\u00e4ndig\u00a0und somit angewiesen auf m\u00f6glichst zuverl\u00e4ssige Transporte aus verschiedenen Teilen des Imperiums.<\/p>\n<p>Plutarch zufolge soll\u00a0Pompeius die oben zitierten S\u00e4tze\u00a0ausgerufen haben, als er vom Ufer aus auf ein solches Transportschiff sprang, mit dem die Besatzung aus Furcht vor einem heranziehenden Sturm nicht aus dem Hafen auslaufen wollte. Auf diese Weise wollte er den Seeleuten sozusagen die Unbedingtheit und Dringlichkeit seiner Forderung klarmachen. (\u201eStellt euch nicht so an&#8220; h\u00e4tte wohl auch weniger \u00dcberzeugungskraft gehabt und w\u00e4re sicher nicht zum bekannten Zitat geworden. Als Inschrift kann man es sich jedenfalls nicht vorstellen&#8230;)<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal charakterisiert diese Anekdote Pompeius: bestimmend, k\u00fchn, ein Vertreter der <em>virtus<\/em>, die den Einsatz f\u00fcr die Gemeinschaft h\u00f6her stellt als das eigene Leben. Das ist typisch r\u00f6misches Denken, und Pompeius steht nicht allein da als ein Beispiel f\u00fcr diese Zentraltugend der R\u00f6mer, f\u00fcr die es &#8211; Lateinsch\u00fclerinnen und Lateinsch\u00fcler wissen das &#8211; eigentlich kein deutsches Wort gibt, das den Begriff eins zu eins wiedergeben k\u00f6nnte. Bei der <em>virtus<\/em> geht es um Verantwortungsgef\u00fchl, tadelloses Verhalten, Mut und eben den bedingungslosen Einsatz f\u00fcr die Gemeinschaft als Summe aller Eigenschaften, die einen r\u00f6mischen <em>vir<\/em> (= Mann) ausmachten. Latein Lernenden fallen in diesem Zusammenhang die in fast\u00a0jedem Lateinbuch behandelten Helden der Fr\u00fchzeit ein,\u00a0wie Horatius Cocles, Marcus Curtius, Cloelia oder Mucius Scaevola, die allesamt diese von Pompeius geforderte Opferbereitschaft f\u00fcr Rom verk\u00f6rpern.\u00a0In unserem Lateinbuch Prima N zum Beispiel findet man\u00a0Bilder von ihnen\u00a0und die Geschichte des Horatius Cocles ab Seite 63.I.<\/p>\n<p>Allerdings sollte man im Falle von Pompeius nicht vergessen, dass nicht <em>er selbst<\/em> mit dem Schiff in den Sturm fahren musste. Stattdessen\u00a0\u00fcbernahm er nur die Rolle des Fordernden, der sich zumindest in diesem Fall (er war ansonsten wohl in der Tat ein mutiger Seefahrer) sicher an Land sitzend und vielleicht zufrieden l\u00e4chelnd \u00fcber seinen gelungenen Sinnspruch freuen konnte &#8211; auch wenn er vermutlich nicht ahnte, dass er soeben Worte f\u00fcr die Ewigkeit formuliert hatte&#8230;<\/p>\n<p>Zum anderen ist der Spruch wohl unabh\u00e4ngig vom Charakter seines Urhebers\u00a0gerade deshalb so verbreitet, weil er in gewisser Weise eine Absage an die Grenzen des menschlichen Daseins formuliert. Der Mensch ist von der\u00a0Natur her eigentlich\u00a0f\u00fcr das Leben an Land ausgestattet, akzeptierte diese Beschr\u00e4nkung aber nicht und strebte aufs Meer hinaus. Dabei nahm (und nimmt) er in Kauf, dass er so immer wieder auch sein Leben in Gefahr brachte (und bringt). Eine Entwicklung der Menschheit ohne Seefahrt w\u00e4re komplett anders verlaufen und ist mit dem Blick auf die Geschichte nur schwer vorstellbar.<\/p>\n<p>Der Kampf des Menschen gegen seine Grenzen: Insofern steht Pompeius (zumindest mit Worten) hier in einer Reihe mit Goethes Faust oder den Raumfahrern des 20. und 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Herkunft des Monatsnamens April ist nicht zweifelsfrei gekl\u00e4rt. 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