Inscriptio Mensis Iunii – Inschrift des Monats Juni

„Mach es wie die Sonnenuhr…“

Mit Blick auf die stets zornige Göttin Juno – die Namensgeberin des Monats, dazu weiter unten mehr – markiert die folgende Inschrift eher das entgegengesetzte Ende des Spektrums möglicher Emotionen: eine optimistische Gelassenheit. Die meist als aufbrausend und rachsüchtig dargestellte Juno jedenfalls dürfte mit dem folgenden Motto wenig anfangen können:

Sonnenuhr Leer

Horas non numero nisi serenas –

auf dem Foto etwas schwierig zu lesen, da diese in mehreren Metern Höhe in die Wand eingelassene Sonnenuhr ein wenig schwierig zu fotografieren ist. Sie befindet sich im Wilhelminengang in Leer, einer engen Gasse, die links neben dem Haus Samson in Richtung Stadtbibliothek und Kulturspeicher führt.

Diese Inschrift ziert Sonnenuhren in ganz Europa und heißt übersetzt: „Ich zähle nur die heiteren Stunden.“ Das leuchtet einem buchstäblich sofort ein, nur bei heiterem Wetter scheint eben die Sonne, und nur dann funktioniert die Sonnenuhr, die hier in der Ich-Form zum Betrachter spricht.

 

Wie das deutsche Adjektiv „heiter“ hat aber auch das lateinische serenus über die auf das (gute) Wetter bezogene Bedeutung hinaus noch eine zweite, auf die Stimmung des Menschen bezogene: „Heitere“ Stunden bezeichnen dann nicht mehr nur die von tatsächlichen Sonnenstrahlen geprägten, sondern auch die „glücklichen“ Stunden im Leben (auch wenn beides – gerade bei wetterfühligen Menschen – oft zusammenfallen mag, aber wir Ostfriesen wissen, dass man sein Lebensglück nicht allzu sehr von sonnigem Wetter abhängig machen sollte…).

So bekommt der Sonnenuhr-Satz einen allgemeingültigen, tieferen Sinn: Nur diese glücklichen Stunden zu zählen und zumindest im Rückblick nicht so sehr auf die weniger glücklichen zu achten, das ist eine optimistische Grundeinstellung, die zu einer „heiteren“ Gelassenheit bzw. zu einem „sonnigen“ Gemüt führen kann. Als gereimte Aufforderung an den Leser hat es diese Weisheit auch in unzählige deutsche Poesie-Alben geschafft:

„Mach es wie die Sonnenuhr, / zähl die heiteren Stunden nur.“

Wie schon bei anderen Inschriften des Monats sind auch hier übrigens in der lateinischen Version besondere sprachliche Mittel zu finden, die die Aussage unterstützen sollen:

Die doppelte Verneinung non … nisi (ganz wörtlich übersetzt heißt es: „Ich zähle nicht die Stunden, wenn nicht die heiteren“, schöner: „… außer den heiteren“) nennt man eine Litotes. Durch diese Umschreibung wird betont, dass es eben ausschließlich die schönen Stunden sind, die Berücksichtigung finden. Nur wenn die Stunden diese Bedingung erfüllen, sind sie der Erinnerung wert.

Das so genannte Hyperbaton horas … serenas, bei dem die inhaltlich zusammengehörenden lateinischen Wörter für „Stunden“ und „heitere“ weit auseinandergerückt sind, unterstützt die besondere Stellung dieser Stunden – „Stunden zähle ich nicht, es sei denn diese besonderen, die heiteren“.

Ganz passend zu dieser auf die Freude im Leben ausgerichteten Einstellung erscheint auch die Inschrift unter einer weiteren Sonnenuhr:

Carpe diem

Sie befindet sich an der „Villa Dr. Fischer“ (lateinisch villa = „Haus“) in Westrhauderfehn. Sehen kann man sie von einem schmalen Durchgang mit dem Namen „Bernhards Padd“ aus, der die Nordseite des Untenendes mit der Goethestraße verbindet.

Carpe diem

heißt wörtlich übersetzt „Pflücke den Tag!“, etwas freier: „Nutze den Tag!“ (Vielleicht auch nur dazu, einer etwas mitgenommenen Sonnenuhr einen neuen Anstrich zu verpassen…)

Wer den Film „Der Club der toten Dichter“ mit Robin Williams als unangepasstem Lehrer Mr. Keating an einem amerikanischen Elite-Internat kennt, hat vielleicht die berühmte Szene vor Augen, wie Mr. Keating seinen Schülern genau diese Worte zuraunt, während sie auf die verblichenen Fotos der Abschlussjahrgänge früherer Zeiten schauen: „Carpe diem!“ – „Denn ob ihr es glaubt oder nicht: Jeder von uns, der hier anwesend ist, wird eines Tages aufhören zu atmen, erkalten und sterben. – Nutzet den Tag, Jungs! Macht etwas Außergewöhnliches aus eurem Leben!“

Der Spruch stammt aus einem Gedicht (Oden I, 11) des Römers Horaz (65 – 8 v. Chr.). In nur zwei Worten fasst er beinahe eine ganze Philosophie zusammen, die des Griechen Epikur (341 – 270 v. Chr.), die auf den Genuss des Lebens in ausgeglichener Seelenruhe zielt.

Diese Botschaft ist willkommen: „Genieße deine Zeit“, denn das Leben ist ohnehin kurz genug (lateinisch: vita brevis). Die Uhr, unter der der Spruch in diesem Fall steht, führt das ständige Vergehen der Zeit sogar sichtbar vor Augen (und die verwitternde Farbe betont die Vergänglichkeit auch noch zusätzlich… vielleicht sogar mit Absicht?!?). Man sollte also sozusagen viele „Sonnenstunden“ im Leben sammeln.

Kritiker dieses Lebensmottos halten es dagegen für egoistisch, eine Art „Nach-mir-die-Sintflut“: „Hauptsache, ich habe meinen Spaß und genieße mein Leben, Nachhaltigkeit und Verantwortung sind mir egal.“ Das hängt wohl auch damit zusammen, dass die Philosophie Epikurs nicht davon ausgeht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Über Konsequenzen des eigenen Lebensstils müsste man sich dann keine Gedanken machen.

Nimmt man einfach nur die Aufforderung „Carpe diem“ ohne den epikureischen Kontext, bleibt aber zumindest die reine Mahnung, mit seiner Zeit sinnvoll umzugehen – und das mag (je nach Prägung) für den einen den selbstbezogenen Blick auf den eigenen Lebensgenuss bedeuten, für den anderen aber den sozialen auf die Mitmenschen oder den bewahrenden auf die Natur, für die man seine Zeit ja auch einsetzen kann. In jedem Fall lässt sich mit Blick auf die Begrenztheit des irdischen Lebens der Kölner A-capella-Band WiseGuys zustimmen:

„Das Leben ist zu kurz für RTL2!“

In diesem Sinne: Allen Lesern einen heiteren, sonnigen Juni! Nutzen Sie die Tage!

 

Ein Apfel, eine Misswahl, Kriege und Irrfahrten – eine schlecht gelaunte Göttin bringt die europäische Kulturgeschichte in Gang…

Wie oben angekündigt: In diesem Monat lohnt es sich besonders, sich noch etwas bei seiner Namensgeberin aufzuhalten.

Der Juni ist der Göttin Juno gewidmet (lateinisch: Iuno, denn die Römer kannten kein J). Als Gattin des höchsten Gottes Jupiter (lateinisch: Iuppiter, denn – siehe oben, und die zwei p sind tatsächlich kein Tippfehler) war sie die Schutzgöttin der Ehe und der Familie. Die griechischen Namen der beiden sind Hera und Zeus.

Allerdings war Juno nicht gerade der Typ mütterlich-liebenswürdige Familien-Mami, wie man vielleicht angesichts ihres Zuständigkeitsbereichs vermuten könnte. In den antiken Sagen tritt sie in der Regel eher als nachtragende und eifersüchtige Rächerin auf – angesichts der zahlreichen außerehelichen Liebesabenteuer Jupiters hat sie dazu auch allen Grund.

Aber auch Venus (griechisch: Aphrodite), die Göttin der Liebe und Schönheit, zog Junos Neid und Zorn auf sich. Und die Eifersucht dieser einen Göttin war sozusagen der Motor (vom lateinischen movere = „bewegen“) ganz zentraler Stoffe der europäischen Kulturgeschichte:

Ihren Ursprung hat die Gegnerschaft von Juno und Venus in der ersten Misswahl der Geschichte. Zu ihrer Hochzeitsfeier hatten der Königssohn Peleus und die Meeresgöttin Thetis alle Götter eingeladen – verständlicherweise mit Ausnahme von Eris, der Göttin der Zwietracht.

Wie es sich für ihr „Fachgebiet“ gehört, erschien Eris daraufhin trotzdem auch ohne Einladung kurz auf der Feier und rollte einen goldenen Apfel in die Festhalle, der die Aufschrift „für die Schönste“ trug. So säte sie – es wundert einen nicht – Zwietracht unter den Anwesenden: Die drei Göttinnen Juno, Venus und Minerva (griechisch: Athene) beanspruchten jeweils diesen Titel für sich. Nicht nur im Alten Testament bei Adam und Eva steht also ein Apfel quasi am Anfang allen Übels (wobei in der Bibel in 1. Mose 3 nebenbei bemerkt nur allgemein von einer „Frucht“ die Rede ist und gar nicht speziell von einem „Apfel“).

Göttervater Jupiter hütete sich davor, es sich mit seiner Frau oder seinen Töchtern zu verscherzen und ordnete (vermutlich erleichtert über diesen klugen Einfall) an, dass ein Sterblicher, nämlich der Prinz von Troja, das Urteil fällen sollte. Sein Name war Paris (betont auf der ersten Silbe: Pá-ris, also anders als bei der französischen Hauptstadt).

Alle drei Göttinnen versuchten, Paris zu bestechen: Juno versprach ihm bei einer Wahlentscheidung zu ihren Gunsten große Macht, Minerva siegreiche Schlachten und Venus die schönste Frau der Welt. Paris wählte – natürlich – die Frau. Problematisch an diesem Versprechen der Venus war, dass diese Frau namens Helena bereits mit einem griechischen König verheiratet war, mit Menelaos von Sparta. Der ließ die (im Übrigen nicht ganz unfreiwillige) Entführung seiner Helena nach Troja nicht ungestraft und zog zusammen mit anderen griechischen Königen dorthin, um sie zurückzuholen.

Und so kam es zu dem Krieg, der praktisch den Ursprung der gesamten antiken (und damit europäischen) Literatur bildet: dem zehnjährigen Trojanischen Krieg, der mitsamt Achilles, Hector und Pferd vom Dichter Homer in einem großen Epos (einer Erzählung in Versen) namens Ilias besungen wurde. Die Fortsetzung, die Odyssee, erzählt von der anschließenden, ebenfalls zehnjährigen Irrfahrt des Helden Odysseus, der für die Griechen gegen Troja gekämpft hatte.

Und auch noch der Stoff des dritten großen Epos der Antike, der Aeneis des römischen Dichters Vergil, wird angetrieben von dem Streit zwischen der eifersüchtigen Juno und Venus:

Juno will den aus Troja geflüchteten Helden Aeneas mit allen Mitteln daran hindern, dass er der Verheißung entsprechend ein neues Troja (= das spätere Rom) gründet. Venus dagegen hat zum einen nicht vergessen, dass es ein Trojaner war, der ihr den goldenen Apfel gab, zum anderen ist sie vor allem aber die Mutter des Aeneas und versucht natürlich, ihrem Sohn und seinen trojanischen Gefährten – nachdem schon das geliebte alte Troja im Krieg untergehen musste – wenigstens den Weg zum neuen Troja zu ebnen. Die Aeneis handelt vom schweren Weg der Trojaner (wie bei Homer in Form von Irrfahrt und Krieg) bis zu diesem Ziel.

Juno ist diesen schlechten Ruf einer streitsüchtigen, nachtragenden Cholerikerin nie recht losgeworden. Noch in den modernen Jugendbüchern von Rick Riordan, den Reihen um „Percy Jackson“ und die „Helden des Olymp“, spielt sie eine ähnliche Rolle.